Gestern Abend um 18:05 Uhr, kurz nachdem meine Vorlesung begonnen hatte, klingelte mein Handy. Normalerweise würde ich während einer Vorlesung nicht an mein Handy gehen, aber die Nummernanzeige im Display ließ mir das Herz bis zum Halse klopfen und ich wusste instinktiv, welche Information nun folgen würde.

Mein Vater ist tot.

Der Anruf dauerte zwei Minuten und 10 Sekunden

Diese Nummer hat mich in meinem ganzen Leben exakt zweimal angerufen. Zum ersten Mal vor etwa 10 Jahren – ich bin nicht einmal sicher, wie lang es genau her ist, aber ich sehe mich noch in der Situation, in der mich der Anruf ereilte. Damals war meine Großmutter gestorben. Neben ihrem bereits vor Jahrzenten verstorbenen Mann, meinem Großvater vielleicht die einzigen beiden Blutsverwandten auf dieser Welt, denen ich mutmaßlich jemals etwas bedeutet habe.

Und gestern klingelte diese Nummer ein zweites Mal bei mir an, um mich zu informieren, dass mein Vater, den seit Jahren andauernden Kampf gegen den Lungenkrebs nun endgültig verloren hatte. Der Anruf dauerte zwei Minuten und 10 Sekunden. Emotionslos. Kurz. Knapp. Es war nicht mehr als eine Information.

Dieses Szenario hatte ich in meinem Kopf bereits hunderte Male durchgespielt. Und hunderte Male war ich mir sicher: dass es mich nicht berühren würde. Ein Mann ist gestorben, einer von geschätzten 155.000 Menschen, die täglich weltweit sterben. (Laut einer Quelle aus dem Internet sterben täglich weltweit pro Sekunde ca. 1,8 Menschen)

Und so wenig ich über die 154.999 anderen Menschen wusste, so wenig wusste ich über ihn.  Aber eines wusste ich all die Jahre: ich war ihm nicht wichtig! Keine Ahnung, was ihm jemals wichtig war. Ich war kein Teil davon.

Verblassende Erinnerungen

Schon nach meiner Geburt und als meine Mutter gegangen war und mich in seinem Haus zurückgelassen hatte, ging er zurück nach Russland, um an der Trasse seine Arbeit fortzusetzen. Seine Eltern gaben mir fünf Jahre lang ein liebevolles Zuhause. Das Einzige, dass ich als Kind je hatte und an das ich schon seit Jahrzenten keine wirklichen Erinnerungen mehr habe. Es gibt keine Fotos, nur drei zunehmend verblassende Erinnerungen in meinem Kopf.

Da ist diese Erinnerung, wie ich mit meinem Großvater am Esstisch sitze und Milchbrötchen mit Butter in Kakao tunke. Ich erinnere mich an den Duft im Schlafzimmer meiner Großeltern. Und leider trage ich zu deutlich, die Erinnerung in mir, an diesen einen Tag. Den Tag, an dem meine Mutter mich aus dem Kindergarten abholte und in ein Leben voller Schmerz, Psychoterror und Gewalt zerrte.

Ich sehe den Gesichtsausdruck meiner Kindergärtnerin, höre den mitfühlenden Tonfall, mit dem sie mich aufforderte, alle meine Sachen zu packen. Und ich erinnere mich an das ängstliche Hämmern in meinem Kopf, als ich in ein fremdes Auto steige, zu einem fremden Mann und einer mir fremden Frau. Und ich erinnere mich, dass ich an jenem Tag nicht Abschied nehmen durfte und es acht quälende Jahre dauern sollte, bis ich Bad Sulza wiedersehen durfte.

Flucht

Bei meiner „Entführung“ war ich 6 Jahre alt. Es folgten acht Jahre der Gewalt, der Erniedrigung, des Schmerz, der Angst und der Verzweiflung. Ich flüchtete mich in die Schule. Sie wurde zu meinem Zufluchtsort. Wenngleich die vorherrschende politische Situation in der damaligen DDR, die Situation, meiner gefühlten Heimatlosigkeit auch missbrauchte und eine Regime treue Sozialistin heranzog, so war sie für mich doch eine Garantie für das Leben.

Meine Klassenkamerad:innen (denen dies vermutlich nie so bewusst war) und das Ehepaar, welches im Haus unter uns wohnte, wurden meine wenigen Verbündeten, die mich durch diese Zeit trugen. Sie deckten mich auch, als ich mit 14 Jahren erstmals flüchtete.

Dem Voraus war wieder ein körperlicher Übergriff durch meine Mutter gegangen. Mein Körper schmerzte und meine Seele brüllte. Ich erinnere mich, dass ich morgens alle meine Schulsachen einpackte, mein Sparschwein leerte und mich wie immer mit meiner Schulfreundin vor dem Haus traf. Ich berichtete kurz, bat sie um Stillschweigen und lief hastig zum Bahnhof. Ich erinnere mich an die Anspannung in meinem Körper, beim Kauf der Fahrkarte. An die Zugfahrt habe ich heute keine Erinnerung mehr, dafür aber lebhaft an meinen Fußmarsch vom Bahnhof bis zum Haus meines Vaters. Nach acht Jahren erinnerte ich mich noch immer an jedes Detail des Weges. Ich sog die heimatliche Luft in mich auf und betrat wenig später hoffnungsvoll und voller Vorfreude, dass Haus meines Vaters.

Ich bin unerwünscht.

Etwa 24 Stunden später saß ich wieder im Wohnzimmer meiner Mutter. Ich erinnere mich blass daran, dass sie meinem Vater und seiner Frau weinend versicherte, sie könne sich meine Flucht gar nicht erklären und wie schwierig ich sei. Dieser Situation voraus, waren unbeholfene Erklärungsversuche meines Vaters gegangen, in denen er mich wissen ließ, ich könne jetzt nicht einfach bei ihnen leben. Weitere Erinnerungen an diese Ereignisse kann ich in meinem Bewusstsein nicht mehr abrufen.

Diese Episode meines Lebens endet in meinen Erinnerungen damit, dass die Direktorin meiner Schule veranlasste, dass ich für einige Wochen auf eine Art Erholungskur fahren durfte. Was für immer blieb, war der Schmerz über die Erkenntnis:  ich bin weder bei meiner Mutter noch bei meinem Vater erwünscht.

Heilung braucht vor allem eines: Zeit.

Danach war alles wie immer. Erst zwei Jahre später, nach dem Fall der Mauer, nach Abschluss der zehnten Klasse im Alter von 16 Jahren verließ ich das Haus meiner Mutter, um völlig unvorbereitet und allein in eine neue Weltordnung und ein Leben zu starten. Mein Leben.

Für den darauffolgenden Heilungsprozess brauchte es eine pädagogische Ausbildung, gute Freunde (die das Universum immer wieder schickte – danke dafür!), einen Selbstmordversuch, Therapie, eine eigene stabile und gesunde Familie, wiederholte Annäherungsversuche an Vater und Mutter und wiederholtes Scheitern hierin, sinnerfülltes Tun in meinem Leben, eine psychologische Ausbildung und unendlich viel Geduld.

Heute habe ich mit den Geschehnissen der Vergangenheit meinen Frieden gemacht. Ich habe ihnen vergeben. Schon in jungen Jahren, fand ich im Umstand ihrer eigenen kindlichen Gewalterfahrungen sachliche und fachliche Erklärungen für das Gewaltpotential meiner Mutter. Auf menschlicher Ebene konnte ich die aus reinem Selbstschutz gelebte Ablehnung meines Vaters und seiner Familie verstehen. Diese „Erklärungen“ halfen mir aufrichtig zu vergeben. Und ich hatte Zeit zu trauern.

Denn Erklärungen zu finden, hinein zu spüren und zu fühlen was sie vielleicht gefühlt haben mögen, ist die Chance die wir haben auf Vergebung und somit Heilung. Sie befreit aber nicht von der eigenen Betroffenheit und dem Schmerz. Es braucht ein Anerkennen der Verletzungen.

Ich erkenne an, verletzt worden zu sein. Ich gestehe mir die Wut, die Trauer und den Schmerz zu. Und ich gestehe mir die Form zu, die ich wähle, damit umzugehen.

Vorgezogener Abschied

Im Sommer 2019 verabschiedete ich mich offiziell von der Hoffnung, jemals Beachtung von meinen Eltern zu erfahren. Ich beendete endgültig meine Bemühungen darum von Ihnen gesehen, geachtet oder gar geliebt zu werden. Nach 45 langen Jahren machte ich endlich meinen Frieden mit meiner eigenen Erwartungshaltung.

Und in meiner mir ganz eigenen, klaren, konsequenten Art, gestaltete ich auch diesen Abschied konsequent und endgültig. Ich beschloss meine Eltern zu beerdigen. Ich ging durch die damit verbundene Trauer. Ich löste mich von weltlichen Verknüpfungen, wie Social Media Freundschaften, löschte gespeicherte Telefonnummern, nahm Bilder von den Wänden und bat meine Familie und meine Freunde, mich nie wieder nach meiner Familie zu fragen. Im Grunde vollzog ich einen vorzeitigen endgültigen Abschied.

Trauer hat viele Gesichter

Und nun ändert der gestrige Anruf alles? Nein. Zumindest anders als erwartet.

Der Anruf dauerte zwei Minuten und 10 Sekunden. Und so emotionslos die Nachricht kam, so emotionslos habe ich sie aufgenommen. Ich wusste bereits nach wenigen Minuten, dass ich nicht um meinen Vater trauere.

Aber ich trauere. Ich trauere darüber, dass man mir die Erfahrung genommen hat, um einen Vater zu trauern! Diese Art der Trauer hat ein anderes Gesicht. Sie ist abstrakt und fühlt sich surreal an. Sie führt mir meine eigene Verletzlichkeit, die eng verwoben ist mit meiner Lebensgeschichte, vor Augen.

Sie zeigt mir zum wiederholten Male die Tragweite des Verlustes einer unbeschwerten und glücklichen Kindheit auf. Sie zeigt mir auf, dass Verlust aus verschiedenen Ebenen besteht. Aber sie erinnert mich auch daran, dass ich immer dazu lernen und an meinen Herausforderungen wachsen darf.

Ich bin gut vorbereitet. Ich habe lernen dürfen, dass Trauer nicht schlecht ist und nicht übermächtig. Sie ist Teil unseres Lebens, ebenso wie die Freude. Ohne die Trauer, könnten wir die Freude nicht spüren. Ich gebe ihr heute und in den kommenden Tagen den Raum, den sie braucht. Und ich werde sie gehen lassen können, wenn ichsie nicht mehr brauche.

Das Gute im Schlechten

Wer mich kennt weiß, dass ich wirklich gut darin bin, meinen Blick in jeder Situation des Lebens auf das Gute zu richten – auch im Schlechten. Heute gehe ich davon aus, dass ich eine ähnliche Situation noch einmal werde erleben müssen. Beim nächsten Mal, werde ich wissen, wie es sich anfühlt. Und sollte es sich überraschend anders anfühlen, dann weiß ich zumindest, dass ich genügend Stärke, Strategien und Rückhalt durch mich liebende Menschen besitze, um zu verarbeiten, was dann kommen wird.

Dafür bin ich heute dankbar!

 

Anmerken möchte ich, dass ich Anteil nehme, mit den Menschen, die andere Erfahrungen mit meinem Vater als Person machen durften und heute vermutlich wirklich um ihn trauern. Ihnen gilt heute mein Beileid.