Von Stress, Entspannung, Schnecken, Schildkröten und Hasen

Ein Erfahrungsbericht  – oder ein Blogartikel zum schmunzeln smile

Als ich mich an diesem frühen Morgen sprichwörtlich auf die Socken mache um mit einer Freundin ein paar frühe Bahnen im Freibad zu schwimmen, konnte ich nicht ahnen, dass dies zu einem neuen Blogartikel führen würde.

Es ist nicht einfach in Zeiten von Corona ins Freibad zu gehen. Der Sommer beschert uns heiße Tage und gern würde man dem Alltagsstress spontan entfliehen. Leider lassen sich Spontanität und die aktuellen Corona Verordnungen gar nicht so gut vereinbaren. Also habe ich gestern Abend spät auf mein Glück vertraut und konnte prompt für die Frühschwimmer von 7.30 Uhr bis 9.00 Uhr online ein paar Karten ergattern.

Auszeit für mich

Ganz ehrlich, ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so früh morgens zum schwimmen gegangen bin. Es muss Minimum 13 Jahre her sein, weil ich seit der Geburt meines Sohnes, nur in meiner Rolle als Mutter ein öffentliches Bad betreten habe. Das hat eine völlig andere Qualität. In meiner Rolle als Mutter gehe ich nicht zum entspannten Schwimmen ins Freibad. Vielmehr bin ich:

  • Organisatorin
  • Verpflegungsbasis
  • Animateurin
  • Lehrmeisterin
  • Spaßmacherin
  • und natürlich Rettungsschwimmerin.

Heute bin ich Konstanze! Ein Gefühl von Freiheit beflügelt mich auf meinem Weg in den Nachbarort und noch während ich mein Auto parke, ertappe ich mich bei dem Gedanken: Das ist pure Entspannung heute Morgen! Das habe ich mir verdient! Entsprechend strahlend begrüße ich meine Freundin und fröhlich plaudernd passieren wir mit unseren Online erworbenen Tickets und Alltagsmasken im Gesicht den Einlassbereich des Freibads. Unfassbar, wie leer ein Freibad im Sommer sein kann! Ich atme tief die frische Luft des frühen Morgen ein. Ich rieche den typischen Chlorgeruch eines Freibades und nehme das Gezwitscher der Vögel war. Traumhaft. Ich spüre wie der Alltagsstress von mir abfällt und spontan kommt in mir ein gewisses Urlaubsfeeling auf.

Deutsche Tugenden und Entspannung passen nicht zusammen

Mein Blick fällt auf die leere Wiese direkt vor dem Kinderbecken, die mir nur allzu vertraut ist. Und während ich alle bekannten Plätze mit den Augen scanne, wird mir bewusst, dass ich hier heute freie Platzwahl habe. Mit uns haben hauptsächlich einige Männer und Frauen älteren Semesters das Freibad betreten. Ich nehme wahr, dass gefühlt alle Badegäste zu den Sitzstufen neben und unterhalb des Rettungsschwimmerhäuschens direkt am Schwimmerbecken strömen.  Ordentlich werden die sehr kleinen Badetaschen in Reih und Glied neben Schuhen und sorgfältig gefalteten Kleiderbergen abgestellt. Schmunzelnd denke ich: typisch deutsch. Ich schaue auf meine überdimensionierte und randvoll mit Handtüchern und Decken gefüllte Badetasche und mir dämmert, dass ich möglicherweise viel zu viele Dinge eingepackt habe und ich vermutlich gleich nicht entspannt auf dieser satten grünen Wiese liegen werde.

Meine Freundin steuert zielstrebig die Betonstufen an und ich sehe meine Wohlfühlzone dramatisch gefährdet. Kommunikationsstark erkläre ich pseudoselbstbewusst, dass ich mich auf gar keinen Fall zu den Profis gesellen möchte und schlage eine Holzbank am Beckenrand als Kompromiss zu Steinstufen und grüner Wiese vor. Ganz nebenbei frage ich sicherheitshalber mal nach, ob sie plant die komplette Zeit von jetzt – 7.40 Uhr – bis neun Uhr im Kreis schwimmend zu verbringen.  Sie erklärt, üblicherweise so etwa 20 Bahnen zu schwimmen. Na toll. Ich spüre Beklemmungen in mir aufsteigen. Dazu gesellen sich Bilder in meinem Kopf, in denen ich japsend und mit Seitenstechen geplagt versuche in den Fluten zu überleben. Ok. Das war jetzt etwas zu melodramatisch, aber ich ahne, dass die nächsten eineinhalb Stunden nicht so entspannt verlaufen würden, wie ich sie mir ausgemalt hatte.

Schnecken, Schildköten und Hasen im Freibad

Während ich meine Badetasche mit leicht unsortiertem Inhalt ordentlich neben der Bank abstelle und ein Handtuch auf der Bank ausbreite in der Hoffnung, so wenigstens ein wenig Behaglichkeit herzustellen, fällt mein Blick auf den Bademeister. Spontan erinnert er mich an einen Verkehrspolizisten, der mit seinen Armen versucht den Verkehr zu regeln. Ich erkenne im Becken drei abgetrennte Bahnen und erfasse mit diesem einen Blick auch noch, dass alle Schwimmer im Becken sich ordentlich einreihen. Die Szene wirkt wie choreografiert. Und während ich gedanklich versuche diese Szenerie mit Musik zu unterlegen, stelle ich meine Schuhe ebenso ordentlich neben meine Badetasche und schlüpfe aus meinem Kleid.

Wir stehen am Einstieg zum Becken. Das Wasser ist wärmer als ich es mir vorgestellt habe. Es ist mein Element. Während ich Stufe für Stufe tiefer einsteige, scannt mein Blick wieder die Freibadszenerie. Dabei fällt mein Blick auf den Beckenrand links von mir. Sozusagen den Kopf der Bahnen. Hier stehen, jeweils einer der abgesperrten Bahnen zugeordnet, drei rote Plakataufsteller auf denen ich Hinweisschilder erkennen kann. Neugierig beginne ich zu lesen, was auf dem Schild steht, welches unserer Bahn zugeordnet ist: Langsamschwimmer. Darunter ist ein Schneckensymbol abgebildet. Meine Freundin schaut wenig begeistert und prüft, was auf dem Schild in der Bahn nebenan zu lesen ist: Schnellschwimmer. Die Bahn daneben ist für Mittlere Schwimmer ausgewiesen.

Ich muss den Impuls, meinem inneren Monk geschuldet, unterdrücken, aus dem Becken zu steigen und die Schilder in der richtigen Reihenfolge aufzustellen. Denn so ergab die Sortierung für mich überhaupt keinen Sinn. Wie der Bademeister wohl reagiert hätte? Zumindest hätte ich die perfekte Choreografie des morgendlichen Schwimmens ordentlich durcheinander gebracht. So viel ist sicher. Meine Gedanken wandern zurück zu den Symbolen der Bahnbezeichnungen. Die Schnellschwimmer neben uns sind also Hasen. Tatsächlich sind unter den mit Badekappen und Schwimmbrillen getarnten, kurz aus dem Wasser auftauchenden Köpfen, alte Hasen zu erkennen. Da fallen die beiden jungen Männer auf, die am Beckenrand der Hasen angeregt über ihre am Handgelenk befindlichen Fitness Tracker fachsimpeln, bevor sie sich ambitioniert in die Reihe der Schnellschwimmer einreihen, deutlich auf.

Zwei Bahnen weiter kann ich unter dem Titel „Mittlere Schwimmer“ eine Schildkröte entdecken. Sofort versucht mein Gehirn in den Schubladen seines Biologiewissens die Richtigkeit der Aussage zu überprüfen. Sind Schildkröten schneller als Schnecken? Vor meinem geistigen Auge, sehe ich den Wettkampf und entscheide: ja, Schildkröten sind schneller. Meine Freundin erklärt, mir eine Weile bei den Schnecken Gesellschaft zu leisten und sich später für einige Bahnen zu den Schildkröten zu gesellen. Um dem sportlichen Anspruch des Morgenprogramms gerecht zu werden. Klar! Außer mir, ist hier offensichtlich niemand zum entspannen da.

Entspannung findet in deinem Kopf statt

Während ich meine „Schneckenbahn“ brav rechts am Beckenrand hinauf schwimme, eine vorschriftsmäßige Wendung vollziehe und links entlang der Bahn wieder zurück, beobachte ich die anderen Schwimmer*innen auf der Schneckenbahn. Ein älterer Herr fällt mir auf, der sehr dynamisch und sportlich wirkt, jedoch ganz gemächlich lächelnd seine Bahnen zieht. Er ist mir auf Anhieb sympathisch. Eine ältere Dame mit Badekappe und Schwimmbrille kommt mir von hinten bedrohlich nahe. Sie hat sich vermutlich in der Bahn geirrt, was ich der unlogischen Reihenfolge der Schilder am Beckenrand zuschreibe. Während sie mich nun auch noch entgegen der Corona-Schwimmregeln überholt, wirft sie mir einen Blick zu, der keinen Zweifel daran lässt, dass sie sich im Sportmodus befindet und ich hier gerade ihre sportlichen Ambitionen störe.

Ich drehe mich in Rückenlage und richte meinen Blick in den Himmel. Strahlendes Blau. Hin und wieder kreuzen Vögel mein Blickfeld. Das Murmeln des Wassers drängt sich in mein Bewusstsein. Ich spüre wie das Wasser meine Haut umschmeichelt und fühle mich instinktiv geborgen. Meine Gedanken gehen spazieren. Mir fallen die Gespräche mit meinen Klientinnen ein. In fast jedem Beratungsgespräch mit gestressten Müttern, stelle ich die Frage: „Wann waren Sie zum letzten Mal schwimmen? Nicht mit den Kindern, sondern allein, nur für sich?“ In den meisten Fällen wird an dieser Stelle der Gespräche klar – mir und den Müttern – wie hoch der Grad der eigenen Vernachlässigung ist. Ich frage mich ernsthaft ob ich nach meinen heutigen Eindrücken diese Frage noch stellen möchte. Zwischen Hasen, Schildkröten, gesellschaftlichen Erwartungshaltungen und deutschen Tugenden scheint es mir an diesem Morgen irgendwie unmöglich, wirklich entspannen zu können.

Der Coach in mir meldet sich vehement zu Wort und erinnert mich daran, dass alle meine morgendlichen Eindrücke, letztlich das Ergebnis meiner eigenen Bewertung sind. Der kollektive Ordnungssinn der Deutschen ist ebenso wenig Schuld an meiner Unfähigkeit zu entspannen, wie die Verschiedenartigkeit von Schnecken, Schildkröten und Hasen. Ich bin gekommen um zu entspannen. Schön, dass es eine Schneckenbahn gibt, die es mir ermöglicht, genau dies zu tun. Man stelle sich vor, das Becken wäre voll von Hasen. Bei diesem Gedanken muss ich lachen. Um nicht zu viel Wasser zu schlucken wechsel ich schnell wieder die Position und schwimme in Brustlage weiter. Mein Blick trifft den Blick des sympathischen älteren Herren. Er schmunzelt. So als hätte er meine Gedanken lesen können. Mit einem freundlichen Kopfnicken schwimmt er links an mir vorbei – mit genügend Corona-Abstand versteht sich.

Ein morgendliches Fazit

Mein Blick schweift über das Becken und ich scanne die vorbei schwimmenden Gesichter. Ich sehe Zufriedenheit. Zufriedenheit bei Schnecken, Schildkröten und Hasen. Mir fällt die Stille auf. Mehr als das Platschen des Wassers ist nicht wirklich zu vernehmen. Kein Kindergeschrei, keine lautes Grölen. Im Vergleich zu sonst, herrscht eine beruhigende Stille. Lächelnd verlasse ich das Schwimmerbecken und laufe hinüber zum Kinderbecken. Ich winke meiner Freundin zu, die noch immer bei den Schildkröten ihre Bahnen zieht. Sie winkt lächelnd zurück.

Im Kinderbecken sehe ich die beiden sportlich ambitionierten jungen Männer mit ihren Fitness Trackern wieder. Übermütig wie kleine Kinder rutschen sie im Wettstreit die breite Wasserrutsche hinunter. Ich lächle und lasse mich im seichten Wasser am Einstieg des Kinderbeckens nieder. Das Wasser ist herrlich warm. Die Sonne steht nun höher am Himmel und kündigt einen weiteren warmen Sommertag an. Der Himmel ist noch immer strahlend blau und ich genieße die ungewohnte Stille an diesem herrlichen Morgen.

Mein Blick fällt auf einen alten Rettungsring der an einem Begrenzungszaun, wohl eher zu dekorativen Zwecken, auf gehangen ist. Das Weiß und Rot bildet einen starken Kontrast zum Grün drum herum. Ich fühle mich leicht und positiv gestimmt. Ich atme tief die frische Luft des frühen Morgen ein. Ich rieche den typischen Chlorgeruch des Freibades und nehme das Gezwitscher der Vögel war. Die Sonne wärmt meine Haut, während das leicht plätschernde Wasser meine Füße umspült. Traumhaft. Ich spüre wie der Alltagsstress von mir abfällt und für einen angenehm lang wirkenden Moment kommt in mir Urlaubsfeeling auf.

Minuten später verlasse ich entspannt und froh gestimmt mit meiner Freundin das Freibad. Auf dem Weg von der Umkleidekabine zum Ausgang mache ich noch ein paar Fotos. Lachend erzähle ich ihr von meinem Vorhaben, über diesen Morgen einen Blogartikel zu schreiben. Banale Alltagsbegebenheiten sind doch manchmal die besten Lehrmeister. Ich habe heute einiges über meine eigene Fähigkeit entspannen zu können, lernen dürfen.

Trau dich und lass uns an deiner Geschichte teil haben!

Vermutlich kennt jede*r Alltagsgeschichten dieser Art. Auch Du.

  • Wie ist es um deine Fähigkeit zu entspannen bestellt?
  • Wie schnell schaffst Du es in die Entspannung zu kommen?
  • Schaffst Du es überhaupt?
  • Im Alltag?
  • Oder benötigst du eher einen dreiwöchigen Urlaub?

Ich bin neugierig auf deine Geschichten. Es sind diese Geschichten, aus denen wir alle etwas lernen können. Da auch ich gern so lerne, her damit. Schreibe mir auf Facebook, Instagram oder hier in den Kommentaren, deine persönliche Entspannungsgeschichte.

Ich wünsche dir einen herrlich entspannten Tag.

Herzlichst deine Konstanze